Katalog-App der SLUB Dresden
Die Zukunft ist sicher auch für Bibliotheken mobil. Während in vielen Bibliotheken, wie ich höre, noch immer das pauschale Handy-Verbot in Kraft ist, bietet die SLUB Dresden als eine der ersten Bibliotheken in Deutschland eine Katalog-App für iOS an. Mit der SLUB-App ist es möglich, in den gedruckten, digitale und sonstigen Beständen der Bibliothek zu recherchieren, eine Merkliste anzulegen, seine entliehenen Medien zu verwalten und einiges mehr. Wer von den Bibliotheksbenutzern die Vorteile von nativen Apps schätzt (einfache Handhabung, Look and Feel des OS, Funktionsbündelung und –reduzierung), wird auch die neue SLUB-App bald nicht mehr missen wollen. Eine Android-Version wird bald folgen, überdies wird die App entsprechend dem Feedback der Anwender weiterentwickelt.
Multilinguale semantische Suche
Das finde ich total aufregend: Seit Beginn des Jahres entwickelt die junge Firma Avantgarde Labs zusammen mit der Sächsischen Landesbibliothek — Staats– und Universitätsbibliothek Dresden im Rahmen einer Public Private Partnership eine multilinguale semantische Katalogsuche — SLUBsemantics.
SLUBsemantics macht in einer ersten Ausbaustufe unsere etwa 4 Mio. lokalen Titeldaten auf eine Weise zugänglich, die weltweit einzigartig sein dürfte. Die in der SLUB inzwischen normale, auf der Grundlage von Suchmaschinentechnologie realisierte Indexsuche mit Rechtschreibkorrektur, Wortformennormalisierung, vielfältigen Drill-down-Möglichkeiten und einstellbaren Sortierkriterien kann letztlich nur ausgeben, was über ein Matching der Suchanfrage mit den beschreibenden Informationen in den Titeldaten herausgefiltert wird. Titel, die mit anderssprachigen oder synonymen Deskriptoren erschlossen sind, können gewöhnlich nur durch eine entsprechende Formulierung der Suchanfrage berücksichtigt werden. Sonstige semantische Relationen zwischen den Deskriptoren fehlen zu großen Teilen ganz. Das deshalb von vielen Nutzern bevorzugte thematische Browsing, kann in seiner gewöhnlich anzutreffenden Form aufgrund der inkonsistenten Erschließung der Titel jedoch meist nur einen Ausschnitt des gesamten Bestandes einer Bibliothek abdecken. SLUBsemantics erfasst hingegen alle lokalen Katalogdaten und ermöglicht die Eingabe der Suchbegriffe in derzeit drei Sprachen: Deutsch, Englisch und Polnisch. Semantische Beziehungen zwischen den Themen werden als Verzweigungsstrukturen dargestellt.
Die fast magisch wirkende Funktionsweise von SLUBsemantics ist Resultat eines so einfachen wie einleuchtenden Prinzips – des Rückgriffs auf große, sozial gepflegte und netzwerkartig angelegte Informationsstrukturen zum Zweck der automatischen Anreicherung und Verknüpfung von Katalogdaten. Wir bedienen uns dabei u.a. des größten sozial erzeugten Informationsnetzwerk, das die Menschheit bislang erschaffen hat, der freien Enzyklopädie „Wikipedia“. Die Software erkennt automatisch den inhaltlichen Zusammenhang der Suchanfrage und gibt strukturierte Trefferlisten aus. Gibt der Benutzer zum Beispiel das Wort „Bank“ ein, werden ihm sowohl relevante Katalogeinträge zu (einzelnen) Kreditinstituten, der Bankenkrise oder dem Eurosystem als auch zum Sitzmöbel, einer Sandbank oder zur Uferschwalbe, einer typischen Bewohnerin von Uferregionen, vorgeschlagen. Sucht er „Hauptstadt Belgien“, werden auch alle Treffer mit „Brüssel“ berücksichtigt. Lautet die Eingabe „Gone with the wind“, erhält er zugleich Treffer zum deutschen Filmtitel „Vom Winde verweht“, zum Regisseur Victor Fleming, zu Max Steiner, dem Komponisten der Filmmusik, und zu Margaret Mitchell, der Autorin des Vorlage-Romans.
Die Veröffentlichung der Beta-Version ist für den 15. Dezember vorgesehen. Momentan befinden wir uns in der Phase eines geschlossenen Beta-Tests. Wir laden Interessierte ein, an dieser Closed Beta teilzunehmen und uns Hinweise, Meinungen und Kritik zurückzuliefern, so dass wir die Anreicherungsalgorithmen feiner stimmen und SLUBsemantics bis zum offiziellen Start weiter verbessern können.
Weitere Erläuterungen und Einzelheiten zur Teilnahme am Test finden Sie in einem Blog-Post von Achim Bonte im SLUBlog.
Informationskompetenz und Teaching Library
Auf diesen Selbsttest Recherch-o-Mat in Sachen Informationskompetenz vom “Zentrum für Informationsmanagement und virtuelle Lehre (virtUOS)” der Universität Osnabrück bin ich gestoßen und habe ihn gleich mal ausprobiert. Ich bin — kaum erstaunlich — ein „Recherche-Fuchs“ mit 46 von 48 möglichen Punkten. Gepatzt habe ich bei der Frage, welche Quellen ich bei der Suche nach aktuellsten Informationen konsultiere: Da war ich doch glatt auf dem Holzweg mit meiner Vorstellung, man nutze vernünftigerweise alle verfügbaren Möglichkeiten, also zum Beispiel auch Wikipedia und Twitter. Ich wurde in der Auswertung des Tests belehrt, lieber „(Fach-)Zeitschriftenartikel in gedruckter Form oder im Internet“ für diese Aufgabe zu Rate zu ziehen. Hier muss ich jedoch Einspruch erheben. Tatsächlich erfahre ich über neueste Ansätze und Strömungen in meinem Fach über soziale Netzwerke unglaublich viel, und oft auch viel früher als über die herkömmlichen Disseminationswege wie sie z.B. der gedruckte (!) Fachaufsatz oder auch die ja doch viel schnellere Open-Access-Publikation nehmen. Formen wie Blogs oder Alerting Services werden übrigens im Test gar nicht genannt. Frage ich mich: Hinken wir da ein wenig hinter der Entwicklung her? Versagt habe ich auch bei der Frage, an wen ich mich wende, wenn ich mit einer Recherche nicht weiterkomme. Meine Vorstellung, in diesem Fall einen Bibliothekar zu konsultieren, ist nur zweitgut, besser wäre es nach Ansicht der Kollegen in Osnabrück, in der Bibliothek einen Kurs zu belegen. Allerdings: Wie lebensfern ist das denn? Ich gelange bei einer konkreten Fragestellung im Rahmen einer (sicher unter Zeitdruck entstehenden Seminararbeit oder Publikation) in eine Recherche-Sackgasse und belege erst mal einen Grundkurs in Infokompetenz? Alles in allem atmet mir der Recherch-o-Mat zu wahrnehmbar den Geist der traditionellen Informationskompetenz-Lehre, nach der man, will man eine Bibliothek erfolgreich benutzen, zunächst einmal durch eine hohe Schule gehen muss. Ich fürchte (mich nicht alleine), dass wir mit unserem mit bibliothekarischer Strenge erhobenen Zeigefinger unsere Kunden eher verscheuchen als anlocken. Zumal man mit Fug und Recht behaupten kann, dass wir Bibliothekare mit unserer guten alten Teaching Library vor allem unsere eigene Uninspiriertheit und Unfähigkeit hinsichtlich der Schaffung benutzbarer Services übertünchen wollen. Leonardo da Vinci, Albert Einstein und Steve Jobs vereint ein Gedanke, nämlich dass Einfachheit das Maß aller Dinge ist: „Simplicity is the utmost sophistication“. Warum wollen wir nicht endlich einfach sein und die Komplexität des Informationsuniversums in eine einfache Weltformel zwingen? Weil das unmöglich ist? Ist denn ein Apple-Computer einfacher aufgebaut als ein Rechner mit Windows XP? Wir wollen einen einfachen Zugang zur Welt der Information. Wir wollen Convenient Services, denn Wissenschaftler wollen forschen und nicht ihre Zeit in das Studium bibliothekarischen Geheimwissens investieren. Und wir wollen, wenn wir einmal nicht weiterkommen, eine Bibliothekarin um Hilfe bitten können. Denn wir verstehen Biblitoheken als Dienstleistungseinrichtungen, nicht als Schulen, in denen man allenfalls Hilfe zur Selbsthilfe bekommt. Aber bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Eine Schulung zum Umgang mit bestimmten Recherchemitteln, ein Kurs über den Gebrauch von Werkzeugen der Digital Scholarship, das können durchaus Convenient Services sein. Nämlich dann, wenn sie als „Produkt“ etablierbar sind, wenn es bei unseren Kunden Nachfrage nach solchen Produkten gibt, wenn diese Produkte gut sind, wenn sie sexy sind, wenn die Leute sie haben wollen.
Regelbasierte Chatbots: Stella is back
Die SUB Hamburg hat nach dem Relaunch ihrer Webseite vor einem Jahr nun den Chatbot Stella wieder aus dem „virtuellen Nirvana“ geholt. Bis jetzt hat es gedauert, Stella mehr „Wissen“ „beizubringen“. Doch wozu das ganze? Damit Stella in Zukunft noch besser durch solche Dialoge holpern kann?
User: wieso heißt du stella
Stella: Stella heißt zwar in einigen Sprachen: Stern — aber ich bin ganz und gar von dieser Welt. Inzwischen allerdings habe ich mich zum virtuellen Stabi-Stern im weltweiten Web entwickelt.
User: Bist du Bibliothekarin?
Stella: Nein. Ich bin Stella. Die virtuelle Recherche-Lotsin der Stabi. Aber ich beantworte Ihre Fragen zur Bibliothek. Rund um die Uhr. Das würde man sonst niemandem zumuten. Aber mir macht es hier Freude.
User: Hast du studiert?
Stella: Ist es Zauberei? Als echte Bibliotheks-Angestellte hätte ich allerhand zu büffeln. Unsere Auskunfts-Damen haben es nämlich nicht leicht. Aber mir fliegt alles zu. Per Datenübertragung. Ein virtueller Geist zu sein, hat eben auch Vorteile.
User: Du siehst blass aus
Stella: Ich finde es angemessen, hier nicht so zu bunt zu schillern. Ihre Aufmerksamkeit soll ja nicht mir gehören — sondern dem Literatur-Angebot der Stabi.
User: zieh dich aus
Stella: Freut mich, wenn Sie mein Körper interessiert. Studieren Sie Human-Medizin? Soll ich Ihnen verraten, wo Sie Material dazu finden? (Bachfeld et al., 2006, p. 209)
Denn was hat das mit einem Auskunftsgespräch zu tun? Hier geht es doch nur darum, die Maschine, die als solche erkennbar ist (und dem Willen ihrer Schöpfer gemäß in ihrer Künstlichkeit auch erkennbar sein will), auszutesten und an ihre Grenzen zu führen. „Dialoge“ dieser Art müssen unweigerlich im Infantilismus enden (ich erinnere mich ungern, selbst solche Gespräche mit Stella, die mir übrigens schon wegen ihres bibliothekarischen Bierernstes und ihrer kompletten Ironielosigkeit missfällt, geführt zu haben). Für die Programmierung von Routinen und Regeln, die mit solchen Herausforderungen von Nutzerseite pseudo-elegant umgehen können, Kapazitäten — und damit öffentliche Gelder — zu verschwenden, ist durchaus fragwürdig.
Zumal, wie Lambert Heller ganz richtig in einem InetBib-Thread angemerkt hat, diese Kapazitäten von denen abgezogen werden, die für die Echtzeit-Kommunikation mit Nutzern aufgewendet werden können. Im Übrigen ist auch die zum Einsatz kommende Software alles andere als billig (vgl. Christensen, 2008, p. 22).
Grundsätzlich halte ich die Zeit regelbasierter Chatbots, die so tun, als seien sie „Menschen“, mit einer „Biografie“ und einer „Persönlichkeit“, für vorbei. Wie die Hamburger Kollegen selbst herausstellen, weigern sich die Benutzer in der Regel ohnehin beharrlich, „Stella“ natürlichsprachige Fragen zu stellen. Vielmehr tippen sie meistens Einwortanfragen in Stellas Eingabefeld (Bachfeld et al., 2006, p. 215), wenn sie den Avatar nicht gerade auffordern, sich auszuziehen. Ob das den Gewohnheiten im Umgang mit Datenbanken anzulasten ist, sei dahingestellt. Auch bei Google geben Nutzer bislang ja üblicherweise sinntragende Begriffe als Suchterme, nicht syntaktisch durchstrukturierte Fragen ein. Die Webgemeinde ist weitestgehend durch die Benutzung von Volltextsuchmaschinen sozialisiert, Erfahrungen mit solchen „Knowledge Engines“ wie Wolfram Alpha oder True Knowledge halten sich derzeit noch in Grenzen.
Ein kurzer Test legt nun nahe, dass die neue Stella in Hamburg tatsächlich „dazugelernt“ hat. Dennoch kommen natürlich seltsame, ungenaue, und falsche Antworten zustande, denn Stella arbeitet regelbasiert. Die Pflege dieser Regeln ist sehr aufwändig und wird noch aufwändiger, weil man sich durch die Anthropologisierung einer Maschine zur Quasi-Bibliothekarin dem Zwang aussetzt, nun auch Small-Talk-Fähigkeit zu erzeugen und den Bot auf den Umgang mit Turing-Test-Fragen zu trimmen. Trotz des Bestrebens, Stella zu Dialogen zu befähigen — bei bestimmten Anfragen gibt Stella tatsächlich kurze, prägnante Antworten — wird für viele Eingaben einfach die dafür am relevansten erscheinende Webseite angezeigt.
Wenn also ein durch eine umfangreiche, pflegeintensive Wissenbasis „lebendig“ erscheinender Bot letztlich doch nur eine Art Website-Suchmaschine ist, fragt man sich zu Recht, ob diese Funktionalität nicht auch anders erzeugt werden kann. In der SLUB Dresden standen wir ja auch vor dieser Frage und haben uns gegen den einige Jahre im Einsatz befindlichen Chatbot entschieden zugunsten einer intelligenten Lösung der Anreicherung unserer Webseite mit relevanten Konzepten, Ober– und Unterbegriffen, die wir mit Data-Mining-Technologie automatischen aus Wikipedia holen.
Solch exquisite Fake-Interviews können wir natürlich seitdem nicht mehr anbieten: ‘Ich bin zurück!’ Vorabinterview mit Stella.
Literatur
Mein Traum von Bibliothek
Über seinen „Traum von Bibliothek“ öffentlich zu sprechen, ist nicht ganz leicht, weil das eigentlich eine ziemlich persönliche Angelegenheit ist. Und: Träume ich tatsächlich von Bibliotheken? Also, ich träume oft von meiner Arbeit. — Ja, und natürlich träume ich auch von der idealen Bibliothek. Dieser Traum treibt mich ja an, sonst würde ich keinen Spaß an meinem Job haben.
Vor meiner Reise nach Leipzig hielt sich der Spaß allerdings in Grenzen; ich hatte eine unruhige, albtraumhafte Zeit. Aber weil meine geschätzte Kollegin Anne Christensen sich vor einiger Zeit im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe der UB Leipzig offenbart hat, wollte ich mich nicht lumpen lassen.
Wie sieht also die erträumte Bibliothek aus? Im Grunde in keiner Weise unerwartet. Was ich mir für Bibliotheken in der nahen Zukunft erhoffe, wird seit Jahren von vielen gefordert: Akzeptanz des informationstechnologischen Wandels und kreativer Umgang damit, passgenaue Dienstleistungen für unsere Nutzer im Sinne eines Convenient Service, leidenschaftliche Kunden– statt Bestandsorientierung, strategisches Management. Hier ist meine Präsentation:
